Freitag, 12. Januar 2018

Weihnachtsansprache Generalvikar Meiering

Die Weihnachtsansprache von Generalvikar Dr. Dominik Meiering (Erzbistum Köln) für die NRW-Lokalradios an Heiligabend 2017.

"Wir alle kennen die wunderbare Weihnachtsgeschichte, die Geschichte von Maria und Josef und dem Jesuskind. Sie finden keine Herberge, Maria bringt das Kind schließlich im Stall zur Welt und bettet es in eine Futterkrippe. Und dann sind da die Hirten, die kommen und in dem Kind den Sohn Gottes erkennen. Und schließlich die Engel, die das „Ehre sei Gott“ singen.

Ein idyllischer Text, der zu Herzen geht. Eine wunderbare weihnachtliche Krippenidylle. Ziemlich weit weg von uns Menschen heute im dritten Jahrtausend. Der Text klingt irgendwie kindlich, naiv, zu märchenhaft, um wahr zu sein; zu sentimental.

Wir erleben anderes in den Realitäten unseres alltäglichen Lebens. Unsere Welt ist anders. Unsere Zeitungen und Bücher schreiben anders, wir reden anders und über anderes. Über die Mühsal der Arbeit, die Probleme in der Familie, das Bangen um den Arbeitsplatz, die Krankheiten der uns Nahestehenden, für die wir Verantwortung tragen, die Kämpfe in der Politik, den Terror in der Welt, die Vertreibungen der Völker aus ihrer Heimat.

Diese Geschichte aus der Bibel mag uns für ein oder zwei Tage in die Idylle einer heilen Welt hineinversetzen, und die Hoffnung darauf, dass Gott bei den Menschen ist, ein wenig stärken. Aber es dauert nicht lange, und dann ist davon nichts mehr zu spüren. Spätestens wenn der Weihnachtsbaum abgebaut wird und die Krippe im Keller verschwindet, geht alles so weiter wie vorher. Und keine idyllische Weihnachtsgeschichte von der Krippe, den Hirten und den Engeln hilft uns da anscheinend weiter.

Das stimmt alles, aber es könnte auch anders sein. Nämlich dann, wen wir den tieferen Sinn des Weihnachtsfestes in unser Herz hineinlassen, es uns aneignen. Es geht um die Geschichte von Gott, der als Kind in diese Welt kommen will. Das Kind durchbricht unsere Vorstellungen eines Gottesbildes: Gott, der fern und untätig über allem thront und zuschaut. Kaum zu glauben, dass der große, ferne und unbegreifliche Gott mit einem Mal klein und ganz nah sein will. Das Große wird erfahrbar im Kleinen.

Ich bin davon überzeugt: Deshalb ist das Weihnachtsfest für uns alle so unersetzlich. Deshalb ist die Geschichte von der Familie und dem Kind, die unsere Herzen bewegt, so unersetzlich. Die Menschen suchen Gott immer im Großen, aber er wird erfahrbar im Kleinen.

Schauen Sie auf unsere Gesellschaft: Die Menschen suchen das Große – größer, schneller, weiter, besser –, aber sie kommen nie ans Ende mit der Sucht nach dem Größeren. Und so verpassen sie, sich dem Kleinen zuzuwenden. Das ist die Botschaft von Weihnachten: HIER, im Kleinen ist Gott zu finden.

Schauen wir auf das Kind. Viele Menschen trauen dem Kind nichts mehr zu. Dem Kind in der Krippe genauso wenig wie dem Kind in Ehe und Partnerschaft. Aber von einem Kind kann etwas Neues und Revolutionäres, etwas Befreiendes und Unglaubliches ausgehen: die Rettung unseres Lebens und unserer Existenz.

Bei manchen jungen Paaren erlebe ich, dass sie sich unglaublich viele Gedanken machen, wenn es um das eigene Kind geht: Wenn die Versorgung mit Kindergarten, Tagesmutter und Großeltern nicht schon im Detail absehbar ist, wenn der Lebenssinn nicht zur Gänze ausgemacht, die Musik- und Sportkurse nicht bereits gebucht sind: dann lässt man es am besten doch lieber gleich bleiben! Verstehen Sie mich bitte nicht falsch – all das sind ernste und ernst zu nehmende Fragen. Sie bedürfen alle einer sorgfältigen Antwort. Schließlich wollen und dürfen wir mit neuem Leben nicht unverantwortlich umgehen.

Aber gerade deshalb ist die Perspektive von Weihnachten so wichtig! Es ist sozusagen der Blick von oben, die Perspektive Gottes. Ich selbst, sagt Gott, komme in diesem Kind in euer Leben. Und: macht Euch keine Sorgen – auch wenn Euer Leben von so vielen Fragen und Problemen und Zweifeln geprägt ist.

Ich komme zur Welt in diesen armseligen Stall, der selbst so gar nichts an Schutz und Sicherheit zu bieten hat. Und doch passiert hier in der Armut und Einfachheit Entscheidendes: die Zuwendung, das Angenommensein, die Liebe.

Klar: Die Herausforderungen lösen sich dadurch nicht in Luft auf. Und unsere Zweifel wer-den nicht gleich von Engelschören weggesungen. Aber all das erhält eine neue Basis, eine neuen Grund, auf dem mein Vertrauen wurzeln kann: es ist Gott selbst. Sein Name ist Emmanuel, der „Gott mit uns“. Denn so heißt dieses Kind in alter Tradition.

Wer sich von unseren Kindern, wer sich von dem Kind in der Krippe belehren lässt, dass es nicht eine Kleinigkeit am Rand ist, die man links liegen lassen kann, um das wirklich Große zu finden, der wird eine erstaunliche Erfahrung machen. Nämlich: dass das Kind nicht unsere Freiheit zerstören will, sondern dass es die Chance zu neuem Leben eröffnen will;  dass das Kind nicht Konkurrent sein will, das unsere Zukunft und unseren Lebensraum einschränkt, sondern dass es schöpferische Kraft ist, die unsere Zukunft prägen kann;  dass das Kind uns nicht einschränken will, sondern dass es uns aus unserem Egoismus und unserer Selbstliebe herausholen will in die Gemeinschaft der Liebe.

Hier kann deutlich werden, was Kindern alles zuzutrauen ist und was wir auch dem Kind in der Krippe zutrauen können. Die biblische Weihnachtsgeschichte von dem Kind in der Krippe will uns vor Augen führen, dass das wahrhaft Große im Kleinen anfanghaft zu finden ist. Sie sieht mit der Geburt dieses Kindes die Dunkelheit und die Finsternis dieser Welt überwunden. Sie sieht in ihm die neue, helle, schöpferische Kraft Gottes, die das Leben in einem ganz neuen Glanz erstrahlen lässt. Nicht mehr nur Mühsal und Angst, Überlebenskampf und Prestigegewinn, größer, schneller, weiter. Sondern ganz anders: Wir werden durch das Kleine befreit zu einem Leben, das die Welt verändern kann.

Vielleicht kann es uns helfen, die Welt ab und zu einmal mit den Augen eines Kindes zu betrachten. Nicht, dass wir kindisch werden sollen in unserem Lebensalltag, aber dass wir zurückfinden zu einem vertrauensvollen Umgang miteinander, zu einem liebevollen Füreinander-Dasein und zu einem wohlwollenden Erwarten dessen, was kommt – und das vielleicht im Kleinen zu finden ist.

Es hängt von uns ab, ob wir dem kleinen Kind in der Krippe den großen Gott glauben wollen und so zu neuen, weihnachtlichen Menschen werden. Dass dies gelingt – in kleinen, ersten Schritten: das wünsche ich Ihnen von Herzen. Frohe Weihnachten!

INFO: Dr. Dominik Meiering, am 31. Januar 1970 in Rhede bei Borken (Westfalen) geboren, verbrachte seine Schulzeit in Bergisch Gladbach, war Mitglied des Domchors, Ministrant am Kölner Dom und leistete nach dem Abitur 1989 am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium seinem Grundwehrdienst. 1990-1996 studierte er Katholische Theologie und Kunstgeschichte in Bonn und Fribourg/Schweiz. 1998 wurde er zum Priester geweiht und war zunächst Kaplan in Düsseldorf und Neuss und von 2003-2006 in der Kölner Innenstadt. Ab 2006 war er Stadtjugendseelsorger in Köln und Präses des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) in der Domstadt. Hier baute er das jugendpastorale Zentrum „CRUX” an St. Johann Baptist in der Kölner Südstadt auf. 2010 kam die Aufgabe als Kreisjugendseelsorger im Rhein-Erft-Kreis hinzu. Meiering wurde 2006 an der Universität Bonn im Fach Kunstgeschichte mit einer Arbeit über den „verhüllten Reichstag von Christo und Jeanne-Claude und seine Parallelen in der Tradition der Kirche“ zum Dr. phil. promoviert. Zudem arbeitete er als Mitglied in verschiedenen Gremien, etwa in der Kunstkommission des Erzbistums Köln, dem Verein für christliche Kunst im Erzbistum Köln und Bistum Aachen, darüber hinaus nahm er mehrere Lehraufträge an der Hochschule für Musik und Tanz, am Priesterseminar und am Diakoneninstitut wahr.
Zum 22. Februar 2015 berief ihn der Erzbischof von Köln zum Generalvikar, dem persönlichen Stellvertreter des Diözesanbischofs für die Verwaltung des Bistums. Meiering leitet das Generalvikariat mit über 500 Mitarbeitenden und ist gleichzeitig Moderator der Kurie. Am 19. April 2015 berief ihn der Erzbischof zum residierenden Domkapitular.
Kontakt: Erzbistum Köln, Generalvikar Dr. Dominik Meiering, Marzellenstraße 32, 50668 Köln, Tel. 0221 / 1642 1262, Fax 0221 / 1642 1220, mehr: www.erzbistum-koeln.de.

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